ADHS & Diagnose

Den Zeitpunkt meiner Diagnose betrachte ich als einen großen Wendepunkt meines Lebens!
Es gibt definitiv ein Davor und ein Danach. Wie so oft waren die damaligen Begleitumstände eher dramatischer Natur. Wieder einmal war ich in der Psychiatrie erwacht und hatte keinen Schimmer, wie ich dort gelandet war. Allerdings wusste ich genau, weshalb: Nach einigen, in dieser Hinsicht eher ruhigen Jahren, war es zu einem Rückfall gekommen. Bis zur Geburt meiner Kinder waren Alkohol und diverse andere Substanzen meine regelmäßigen Begleiter geworden: Heute weiß ich, dass meine Suchtmuster zu den gängigsten Folgeerkrankungen rund um ADHS gehören. Letztlich handelte es sich bei meinem Konsum um reine Selbstmedikation, die im Laufe der Jahre zwangsläufig außer Kontrolle geraten war. In jungen Jahren noch wie eine Flipper-Kugel unterwegs, konnte ich aufgrund meines Vaterdaseins zwar eine weitestgehend bürgerliche Existenz aufbauen, aber mitunter brach ich ein. Dann half nur noch die Klinik, Schlimmeres zu verhindern. Irgendwie lief es nie einfach mal nur rund, nie kam ich zur Ruhe, immer war irgendwas.

Die Stunde der Erkenntnis – meine ADHS-Diagnose

Da saß ich also mit dem jungen Arzt in der Psychiatrie, der sich meine Geschichte anhörte und mir mitteilte, dass seine Kollegen, die mich schon kannten, ratlos wären. Ich passte nach ihrer Einschätzung nicht in die gängigen Schemata der Alkoholabhängigen und schon gar nicht zu dem hier üblichen Personenkreis, der Konsumenten illegaler Substanzen. Wo also ansetzen?

Der junge Arzt hatte einen Teil seines Studiums in den USA absolviert und erzählte von einem Projekt, in dem Häftlinge auf ADHS untersucht wurden. Gut ein Drittel hätten eine typische ADHS- Symptomatik gezeigt, und nach entsprechender Behandlung wäre nur ein kleiner Teil erneut auffällig geworden. Er beugte sich vor und sagte:
„Herr Beyer, ich glaube, Sie haben ADHS."

Für diese Verdachtsdiagnose handelte sich der junge Arzt, bei dem ich mich viele Jahre später bedanken konnte, viel Ärger ein. Jene Kleinstadtklinik wurde damals noch von Ärzten alter Schule geleitet und ADHS, vor allem im Erwachsenenalter, wurde mehr als kritisch betrachtet. Wen wundert 's. Jene Ärzte hätten ja mit der Akzeptanz dieses Störungsbildes (ich bevorzuge übrigens die Begrifflichkeit „Mentalstruktur“) zahlreiche Behandlungsfehler eingeräumt. Also hielten sie die Augen lieber verschlossen, machten dem jungen Arzt die Hölle heiß und schickten mich zurück in den Alltag.

ADHS – plötzlich passte alles zusammen

Zum Glück hatte mir der mutige junge Arzt noch ein paar Namen von Personen genannt, an die ich mich wenden könne, um dieser Spur nachzugehen. Das tat ich dann auch.
Denn als er seinen Verdacht aussprach, fügte sich plötzlich alles zusammen! Wieso versank mein Leben immer wieder im Chaos? Warum war es mir nicht möglich, einfachste Dinge hinzubekommen?
Ich war andererseits doch auch in der Lage, bei Begeisterung und Interesse enorme Energien aufzubringen und Gewaltiges zu leisten. Wieso fühlte ich mich dauerhaft getrieben und kam nie zur Ruhe, fuhr tagtäglich emotional Achterbahn und trieb vor allem die mir nächsten Menschen zur Verzweiflung mit meiner Art?

„Mit Dir kann man die schönsten und fürchterlichsten Momente aller Zeiten erleben“, sagte mal eine längst verflossene Liebe zu mir. „Wäre es nicht schön, wenn Du mal, anstatt dauernd in Extremen zu leben, alles in etwas moderatere Bahnen lenktest?".

Wollte ich auch, konnte ich aber nicht. Früher oder später ging es immer wieder los: der Stress, der mich komplett übermannende Zorn wegen irgendwelcher Kinkerlitzchen. Aus der Vogelperspektive betrachtet, war es vor allem die Unmöglichkeit, planvoll und strukturiert das eigene Leben zu gestalten.

Der Alltag – meine ganz persönliche Katastrophe

Da gab es Verhaltensweisen, die man noch als skurril oder exzentrisch abtun konnte, wie z.B. mein Essverhalten. Hatte ich erst einmal eine neue Lieblingsnahrung entdeckt, ernährte ich mich ausschließlich davon. Von regelmäßigen Mahlzeiten konnte allerdings keine Rede sein. Ich war doch ziemlich gut darin, einengende Konventionen wie Uhrzeiten, Wochentage und etwas mir so Fremdartiges wie einen regelmäßigen Tag-Nacht-Rhythmus so weit möglich zu ignorieren und zu unterlaufen - sehr zum Leidwesen von Lehrern, Arbeitgebern und leider auch Freunden.

Es konnte passieren, dass ich mit dem dringenden Wunsch erwachte, mir eine bestimmte Sache zu besorgen, weil ich sie plötzlich unbedingt brauchte.
So unbedingt, dass sämtliche Verpflichtungen in Vergessenheit gerieten und ich mich unter Ignoranz aller Kosten und Mühen in die nächste große Stadt aufmachte, um dort sämtliche Läden nach dem ultimativen kulturellen Artefakt meines aktuellen Begehrens zu durchsuchen.
Man kann ahnen, was die Eröffnung der größten "Bedürfnisbefriedigungsmaschinerie" der Welt, dem Internet, bei mir auslöste und anrichtete, zumal die Zeiten des bargeldlosen Zahlens angebrochen waren.

Meine Beziehung zu Geld und Konsum - "philosophische" Erkenntnisse

Die Idee des Geldes ist mir immer fremd geblieben. Wir leben in einer Welt, in der wir einen Großteil unserer Lebenszeit dafür hergeben, dass allmonatlich irgendeine mysteriöse Entität uns eine Zahl zuteilt, die darüber bestimmt, inwieweit wir uns mit Hilfe eines Plastikkärtchens aus einem endlosen Angebot von Waren und Produkten, die wir aus mehr oder weniger zweifelhaften Gründen glauben zu brauchen, bedienen dürfen. Ich muss das wissen!
Ich habe mal als Werbetexter gearbeitet, bis mir jene Kulturmüll schaffende Tätigkeit so sinnentleert schien, dass ich sie von heute auf Morgen beenden musste, um mir weiter in die Augen schauen zu können. Wie kann man sich als wacher Geist damit nicht unfrei fühlen?

Leider sind sämtliche Versuche, sich dem zu entziehen, zum Scheitern verurteilt. Die phänomenalen Veränderungen, die die persönliche Freiheit des Menschen mit denkenden Modellen, wie das bedingungslose Grundeinkommen mit sich bringen würden, sind mehrheitlich leider wohl noch nicht von den Menschen gewollt.
Über die Tellerränder der zwingenden Bedingungen unserer Gesellschaft zu schauen, macht uns ADHS‘lern wesentlich weniger Angst als den „Normalos“.
An Bewegungsfreude, also der Lust an Veränderung, mangelt es uns nicht. Aber das Kanalisieren all dieser Energien, das Haushalten mit ihnen, da wird es schwierig. Guter Wille allein reicht aber nicht.

Mein Leben mit ADHS – Status quo

Nun nach fast 10 Jahren im Bewusstsein meiner speziellen Mentalstruktur und ihrer Verwobenheit in meiner Persönlichkeit lässt sich feststellen: Manches bleibt, auch nach Diagnose und Introspektive, trotz Medikation und Erkenntnis. Vieles jedoch wurde anders. Es schien, als würden alte rote Fäden – teils in der Kindheit hängen geblieben – wieder aufgenommen und fein im Hier & Jetzt verwoben.

In meinem Falle durfte ich – sehr zur Freude all derer, die ein Leben mit mir unter einem Dach führten – Quantensprünge in Sachen Impulskontrolle und Frustrationstoleranz verbuchen.
Ich durfte (und darf) zwar weiterhin, wie fast jeden Morgen, Portemonnaie Autoschlüssel oder/und Handy suchen, aber dies löste und löst (meistens) nun kein inneres Inferno aus Zorn und Verzweiflung mehr aus. Hässliche emotionale Eruptionen, die sich mitunter doch sehr unschön und unangemessen lautstark gegen mein nächstes soziales Umfeld entluden, wurden seltener. Das nächste soziale Umfeld im Übrigen, wusste jedoch (zumindest meist) mit genau der lässigen Unerschütterlichkeit reagieren, die wohl die meisten wohlmeinenden, geduldigen und sattelfesten, krisen- und katastrophenerprobten ADHS-Angehörigen früher oder später im alltäglichen Umgang mit uns entwickeln:

„Adam, ist doch gah'nix los. Warte mal. Wo hattest du denn gestern deinen Schlüssel. Ah. Siehst Du. Guck, da ist er ja. Direkt neben deinem Handy. Das du auch gesucht hast. So ein Glück! Wollen wir dann los Liebster? Wir könnten fast noch pünktlich sein!"
Welch Balsam, dieser spezielle, die geschundene Amygdala salbende Tonfall. Der einen in die Lage versetzt, inne zu halten und zu erkennen: Stimmt. ls' tatsächlich gar nix los, kein Grund, sich aufzuregen, gut, also weiter im Text.

Meine Zukunftsperspektiven

Mit Begeisterung stürzte ich mich in die Exploration der Dimensionen jenes faszinierend stimmigen Erklärungsmodells für die ewige Achterbahnfahrt, die auf sämtliche Bereiche meines Lebens, ja den Kern meiner Existenz selbst Einfluss haben, und die ich mein Leben nannte.
Von nun ab sollte ich nicht länger immerzu auf dessen Überholspur vergeblich im Kreise irrlichtern, sondern zielstrebig voran gehen, dorthin, wo das eigene, innere Licht dich hinführt.
Was hier wie ein Vers aus dem Gebetbuch klingt, meint allerdings eher das Gegenteil von der Hoffnung, dass irgendeine andere metaphysische Entität – also so etwas wie der Staat oder Gott oder die Medizin oder die Zeit – es schon für einen richten werde. Neinneinnein!

Kann sein, dass dich jemand zu wecken versucht. Aufwachen aber kannst du nur ganz allein, das nimmt dir niemand ab. Das musst du schon selbst erledigen.
Ich jedenfalls entdeckte endlich die Selbstwirksamkeit für mich, erkannte mich, entwickelte Resilienzen, bildete, änderte und entwickelte mich.
Der selbst-benachteiligende Charakter mancher meiner Verhaltens- und Sichtweisen wurde mir dauerhaft bewusst, Alternativen manifestierten sich und ich lernte die Vorzüge von ADHS schätzen.
Unserer Intuition können wir für gewöhnlich vertrauen. Eile, wo Eile geboten ist! Für uns kein Problem, darin brillieren wir. In so genannten Akut-Situationen, also da, wo es brenzlig und gefährlich wird, funktionieren wir. Im limbischen System kennen wir uns aus, das macht uns schon lange keine Angst mehr.
ADHS macht uns zu seismographischen Störungsmeldern und hypersensiblen Dauerscannern, die für alles einen Ausweg finden.